Das Haus der Geschichte Österreich (Wien) eröffnete kürzlich die Foyer-Ausstellung „NS-Aktivistin im Verborgenen. Fokus auf einen Nachlass“. In diesem Rahmen hielt Heidrun Zettelbauer (AB Kultur- und Geschlechtergeschichte) den Eröffnungsvortrag über Kontexte, Handlungsräume, Motive von deutschnationalen und nationalsozialistischen Akteurinnen vor 1938.
Ausgehend von dem in der Ausstellung gezeigten Nachlass der Tirolerin Paula Lang, einer illegalen NS-Aktivistin fragte Zettelbauer danach, wie sich politische Radikalisierung, Geschlechterordnung und Alltagskultur in der Zwischenkriegszeit verschränkten. Sie plädierte dafür, den Nationalsozialismus als zutiefst vergeschlechtlicht strukturierte Bewegung und Herrschaftsordnung zu begreifen, die insbesondere über die Idee und soziale Praxis der „Volksgemeinschaft“ Frauen wie Männer auf je spezifische Weise einband. In der österreichischen Zwischenkriegszeit bildeten dabei ältere völkische Frauenvereine und Aktivistinnen, Teile des katholisch‑konservativen Milieus sowie die zwischen 1934 und 1938 illegalen NS‑Mädchenorganisationen ein in sich heterogenes, aber eng verflochtenes politisches Umfeld. Nationalsozialistinnen waren nicht nur Adressatinnen „frauenfeindlicher Politiken“, sondern agierten als Trägerinnen, Übersetzerinnen und Verstärkerinnen nationalsozialistischer Ideologie.
Zettelbauer betonte die heuristische Bedeutung biographischer Zugänge: Anhand einzelner Lebensläufe lassen sich Motive für ein NS‑Engagement – von weltanschaulicher Überzeugung über soziale Zugehörigkeit und emotionalisierte Gemeinschaftserfahrungen bis hin zu Status‑ und Karriereerwartungen – rekonstruieren, ohne sie zu psychologisieren oder zu entschuldigen.
Im anschließenden Podiumsgespräch diskutierte Zettelbauer gemeinsam mit der Kuratorin Mara Metzmacher und dem Leiter der Abteilung Public History, Stefan Benedik (beide hdgö), welche kuratorischen und erinnerungspolitischen Herausforderungen mit der Präsentation von Nachlässen von NS‑Aktivistinnen verbunden sind: Wie können Handlungsspielräume gezeigt werden, ohne zu heroisieren? Wie Kompliz:innenschaft erzählt werden, ohne sie zu banalisieren? Die Veranstaltung machte deutlich, welches analytische und kritische Potential eine kultur‑ und geschlechterhistorische Perspektive für den Umgang mit NS‑Biographien in Museum, Archiv und Öffentlichkeit eröffnet.