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ZEIT . Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft

Aus der Vortragsreihe: Begriffe bewegen. Grazer Gespräche zur historisch-politischen Bildung.

Am 11.06.2026 hatten wir die Freude, Frau Professorin Dr. Sabrina Schmitz-Zerres (RWTH Aachen) an der Universität Graz willkommen zu heißen. Im Rahmen unserer Vortragsreihe „Begriffe bewegen“ sprach Schmitz-Zerres über „Zeit. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“. Warum beschäftigen wir uns eigentlich mit der Vergangenheit, wenn es doch um die Gestaltung der Zukunft und unseres Zusammenlebens geht? Diese Frage stand im Zentrum der Veranstaltung, in der Zeit als Fundament historischen Denkens betrachtet wurde. Denn erst historisches Erzählen würde aus Zeit Sinn machen. Zeit kann vieles sein. Zum einen kann Zeit eine Strukturierung des Alltages sein, aber auch semantische Verbindungen besitzen, die unsere Gegenwartserfahrungen mit der Vergangenheit verknüpfen. Dies bedeutet, dass verschiedene soziale Systeme ihre eigenen politischen, religiösen und gesellschaftlichen Gleichzeitigkeiten haben, die nebeneinander bestehen und sich manchmal überschneiden, aber oft unabhängig voneinander verlaufen. Besonders hervorgehoben wurde, dass Bewusstsein durch Bruch entsteht. Denn nur wenn der Zeitfluss, also die Linearität, durch Krisen, Umbrüche oder Kontingenzerfahrungen unterbrochen wird, passiert Sinnbildung.

Ein singuläres Geschichtsbewusstsein für eine Vergangenheit gibt es nicht. Denn wie Johann Gustav Droysen bereits 1857 betonte, existieren unzählige Vergangenheiten und ebenso viele Gegenwarten. Pluritemporalität beschreibt die Fähigkeit, verschiedene Zeiten und Epochen gleichzeitig zu betrachten und zu erkennen, wie unterschiedliche Zeitschichten und politische Regime in einem Raum oder einer Zeit miteinander interagieren und sich gegenseitig beeinflussen. Schmitz-Zerres zeigte auf, wie diese Pluritemporalität im Unterricht umgesetzt werden kann: So können beispielsweise verschiedene Zeitstrahlen parallel dargestellt werden, um sichtbar zu machen, dass gesellschaftliche Gruppen, Länder oder soziale Systeme zur gleichen Zeit ganz unterschiedliche Entwicklungen durchlaufen. Ein anschauliches Beispiel ist, dass Griechen und Römer gleichzeitig lebten und sich Briefe schrieben. Eine Erkenntnis, die für viele Schüler:innen überraschend ist. Außerdem empfahl sie im Unterricht Schüler:innen zu ermutigen, eigene Fragen an die Vergangenheit zu stellen. 

Die Auseinandersetzung mit der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ ermöglicht es uns, Geschichte nicht als linearen Ablauf, sondern als vielschichtiges Geflecht unterschiedlicher Erfahrungen und Entwicklungen zu begreifen. Abschließend wandte sich Schmitz-Zerres erneut ans Plenum und forderte auf, Zeit auch mal gegen den Strich zu behandeln. Das bedeutet, gewohnte Zeitvorstellungen zu hinterfragen, alternative Zeitkonzepte zuzulassen und die Vergangenheit nicht nur als lineare Abfolge, sondern als vielschichtiges Geflecht zu begreifen.

ZEIT - Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Begriffe bewegen
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Dr. Sabrina Schmitz-Zerres
@Martin Braun

Sabrina Schmitz-Zerres leitet das Lehr- und Forschungsgebiet Didaktik der Geschichts- und Politikwissenschaft an der Philosophischen Fakultät RWTH Aachen.

Ihr Studium absolvierte Schmitz-Zerres in den Fächern Geschichte, Germanistik, Politikwissen schaft und Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie an der Universität Duisburg-Essen. Nach dem Ersten Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen promovierte sie im Graduiertenkolleg „Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage: Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln“ an der Universität Duisburg-Essen. Im Anschluss daran trat Schmitz Zerres in den Schuldienst ein und schloss ihr Referendariat mit dem Zweiten Staatsexamen ab.

Durch ihre praktischen Erfahrungen im Umgang mit digitalen Medien im Geschichtsunterricht entwickelte sie als Postdoktorandin am Institut für Didaktik der Geschichte der Universität Münster ihren Forschungsschwerpunkt. Für ihre Dissertation „Die Zukunft erzählen. Inhalt und Entstehung von Zukunftsnarrationen in deutschen Geschichtsbüchern 1950-1995“ erhielt sie den Arsèn-Djurovic-Preis für historische Schulbuchforschung der Internationalen Gesellschaft für Schulbuch- und Bildungsmedienforschung.

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