Katharina Bergmann-Pfleger (BIK) präsentierte Ergebnisse des Projekts „Encampment – Lager in der sowjetischen Besatzungszone 1945–1955“. Sie gab einen Überblick über die unterschiedlichen Lagertypen und die dort untergebrachten Personengruppen, darunter Angehörige der Roten Armee, ehemalige Verfolgte des NS-Regimes, Flüchtlinge und Vertriebene sowie ehemalige Nationalsozialist:innen. Anhand ausgewählter Beispiele zeigte sie die ambivalenten Funktionen der Lager auf: „Für viele stellten sie Sicherheit, Überleben und eine erste Struktur nach dem Krieg dar – diese Sicherheit war jedoch oft brüchig und provisorisch: Die Zukunft war unklar, sie konnte Gefängnis, Freiheit oder sogar Tod bedeuten.“
Florian Traussnig (BIK) widmete sich in seinem Vortrag der Biografie Edgar Ulsamers, der vom österreichischen Wehrmachtsdeserteur zum US-Fallschirmagenten wurde und schließlich als antisowjetischer Publizist tätig war. Er skizzierte Ulsamers Weg von der Desertion über nachrichtendienstliche Einsätze zur Unterstützung des Widerstands bis hin zu seiner Gefangennahme und Flucht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er schließlich unter journalistischem Deckmantel als antisowjetischer Propagandist tätig. Zusammenfassend erklärt Traussnig: „Ulsamers ‚Biopic‘ zwischen 1944 und 1949 legt folgenden Schluss nahe: Geheimdienstlich begann der Kalte Krieg in Österreich schon lange vor Ende der Kämpfe im Mai 1945.“
Walter Iber (Universität Graz) beleuchtete die Rolle Österreichs in der wirtschaftspolitischen Strategie der Sowjetunion zwischen 1945 und 1964. Er zeigte die komplexen Wechselwirkungen zwischen sowjetischen Interessen und österreichischen Handlungsspielräumen auf, die von Konfrontation, Kompensation und Kooperation geprägt waren. Dabei thematisierte er unter anderem Ressourcenzugriffe, wirtschaftliche Konkurrenz sowie Österreichs Funktion als „Wirtschaftsbrücke“ im frühen Kalten Krieg.
Die anschließende Diskussion machte deutlich, wie eng Sicherheit und Unsicherheit in der Nachkriegszeit miteinander verwoben waren und wie relevant diese Perspektiven bis heute sind. Etwa: Im Interview mit dem ORF für „Oberösterreich heute“ betonte Barbara Stelzl-Marx (BIK, Universität Graz), die Rolle der Zeitgeschichte im Kontext aktueller Un/Sicherheiten, wie das generelle Motto des Zeitgeschichtetages lautete: „Un/Sicherheiten“.
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